Arbeit & Arbeit

24. August 2009 § 2 Kommentare

Ich habe wieder Zeit zum Lesen. Heute weiß ich allerdings nicht, ob es gut oder schlecht war? Las ich doch im Magazin Focus Nr. 34 vom 17. August 2009, ein Interview mit Bundeskanzlerin Merkel. Darin sagt sie:

„Bemerkenswert ist […], dass die jetzige Erfahrung einer Finanzkrise für viele Ostdeutsche ja nichts grundlegend Neues bedeutet. Viel schwerer trifft es etwas die Menschen in den südlichen Bundesländern wie Bayern oder Baden-Württemberg. Die kannten das vorher so stark nicht. Deshalb bin ich auch der Auffassung: Diese internationale Krise ist nicht nur der schwerste wirtschaftliche Einbruch in 60 Jahren Bundesrepublik, sondern auch die erste gesamtdeutsche Erfahrung einer Krise“

etwas weiter bemerkt sie

„Entscheidend ist, dass wir ein Klima für Wachstum schaffen, denn Wachstum schafft Arbeit“

Ich kann dem nur beipflichten, frage mich aber wann man endlich die Ursachen sorgfältig beschreibt und eine Lehre für zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen daraus zieht. Bemerkenswert ist, daß man offensichtlich in höchsten Regierungskreisen Arbeit immer noch nicht von Erwerbstätigkeit unterscheidet. Darüberhinaus geht man selbstverständlich davon aus, daß unentgeltliche Arbeit, wie z.B. die Familienarbeit geleistet wird und zwar neben der erwerbstätigen Arbeit

In Bayern, Baden-Württemberg und auch anderen westdeutschen Ländern sahen die Lebensentwürfe der Familien ganz anders aus und letztendlich waren die Wirtschaftswunderjahre nur möglich durch den hohen Anteil nicht erwerbstätiger Familienarbeit, die in der Nachschau weder gewürdigt noch bezahlt wird.

Wenn man ein halbwegs funktionierendes System durch ein nicht funktionierendes ersetzen will, darf man sich nicht wundern, wenn gar nichts mehr geht. Wollen die Mütter und Väter der Zukunft ihre Kinder outsourcen? Ein Arbeitstag ist ein Arbeitstag und somit geht Zeit für Kinder verloren. Eltern wird die Wahl der kulturellen Erziehung genommen. Einfluss und Vertrauen innerhalb von Familien wird sinken usw.

Ich lese gerade Theodor Fontane und bewundere ihn nicht nur wegen seiner Werke, sondern auch weil er Ruhe und Zeit finden konnte, er jeden Tag kultiviert essen konnte ohne Imbiskultur, seine Wäsche im Schrank lag usw. Wenn mehr Menschen höher qualifizierte Berufe ergreifen und länger arbeiten, können sie jemanden im Hauhalt beschäftigen, sagt die Bundeskanzlerin – stimmt! Dürfen Bügler und Büglerinnen, Wäscher und Wäscherinnen, Koch und Köchinnen dann keine Kinder mehr bekommen?

Flächendeckende Vollzeit-Kinderbetreuung bei gleichzeitiger Vollbeschäftigung? Welche Qualität hat Leben dann zukünftig? Und was rate ich denn meinen Kindern? Ich kann ihnen ja heute schon keine Antwort geben …

Hätte sich die Bundesfamilienministerin gestern auf dem Kanzlerfest nicht wegen Terminschwierigkeiten entschuldigt, vielleicht hätte ich sie fragen können?

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§ 2 Antworten auf Arbeit & Arbeit

  • marie418 sagt:

    Ein schöner Artikel von dir, der mich sehr anspricht.

    Es ist halt so, dass viele Menschen gar nicht anders können ,als zu zweit arbeiten zu gehen – aber auf der anderen Seite sehe ich , wie du, dass uns Werte entgleiten. Kochen, waschen, bügeln, Kinder betreuen ist eine hochqualifizierte Arbeit. Die sollte auch als solche angesehen werden.

    Ob eine Familienpolitik drauf hinlaufen soll, dass Männer und Frauen spezialisierte Arbeit machen und dadurch eben Spezialisten im Haushalt anzustellen, das wage ich zu bezweifeln. Wer will denn nun wirklich in die DDR zurück?

    Das scheint aber keine Regierung so zu verstehen – wir leben in einer Zeit, in der man nicht mehr von Werten spricht, sondern von Geld, Konsum und solchen Dingen, allerdings bin ich der Meinung, dass es mehr die Meinungsmacher in den Medien sind, als die Menschen im Land.

    • ankeberlin sagt:

      Ich denke, daß Kochen, Waschen und Bügeln nicht unbedingt eine ‚hoch’qualifizierte Arbeit darstellt. Allerdings ist es eine sehr notwendige, lebenserhaltende und kultivierende Arbeit – die zu Unrecht herabgewürdigt wird. Ich finde es nicht nur praktisch, sondern auch ganz hervorragend, wenn ich Kleidung in die Wäscherei/Reinigung bringen kann, weil vielleicht mal gerade keine Zeit vorhanden ist oder sonstige Gründe das ‚Selbertun‘ verhindern. Das muß anständig bezahlt werden – keine Frage! Im Normalfall macht es aber irgendjemand im Haushalt, egal welches Rollenspiel gespielt wird. Im Rahmen der Familienarbeit fallen viele solcher Arbeiten an und wie selbstverständlich wird neupolitisch davon ausgegangen, daß man Outsourcing betreibt oder der Rest vom erwerbstätigen Arbeitstag dafür verwendet wird. Und hier diskutieren wir nur den Alltags- bzw. Normalfall!

      Ein Kind hat aber durchaus auch mal Schnupfen, Windpocken oder sonstige Kinderkrankheiten. In diesem Moment bricht die ganze Kita-Diskussion zusammen, denn wer übernimmt denn dann die Pflege und Versorgung? Und wenn das Ganze nicht in 2 bis 3 Tagen abgehandelt ist, dann muß Pflege und Betreuung her – denn welcher Arbeitgeber akzeptiert schon häufiges Fehlen wegen Schnupfenrötelnscharlachwindpockenhusten der Kinder? Die Kitas schließen die Tür und die Oma’s und Opa’s in diesem Deutschland bekommen massenhaft Freifahrkarten durch ihre Kinder angeboten, die sie allerdings gar nicht wahrnehmen können, weil sie selbst noch in der Erwerbstätigkeit stecken – zukünftig bis 67 … ?

      Und wieso soll man Kinder kriegen, wenn man sie selbst kaum erleben kann? Man braucht ein Organisationsbüro um die Versorgung sicher zu stellen, schleppt sie zu Winterzeiten im Dunkeln in die Kita und abends im Dunkeln nachhause. Nebenbei pflegt man möglichst noch die eigenen Eltern, die per Alter Aufmerksamkeit und Hilfe brauchen – oder gibt man die auch irgendwo ab?

      Und das alles denken sich Politiker und Politikerinnen aus, die das Bild einer harmonischen Familie säuselnd verbreiten, ohne selbst jemals in eine solche Verantwortung getreten zu sein. Einfach nur viele Kinder zu gebären, wie unsere derzeitige Familienministerin es erstaunlicherweise gesundheitlich gut überstanden hat, ist keine Diplomarbeit in Sachen Familie. Examinieren kann man hier nur, wenn man Familie lebt – und das tun die wortstarken Frauen in unserer Regierung in keinster Weise. Sie haben quer durch die Parteien ständig nur theoretische Ideen und praktisch keine Erfahrung.

      Die DDR hat letztendlich das fasischtische Modell der Nazis übernommen, die in Kriegszeiten die industrielle Arbeitskraft der Frauen entdeckt hatte. Daß mit dem Mauerfall westsozialisierte Mütter an die Armutsgrenze getrieben werden, wird politisch und medial überhaupt nicht wahrgenommen, genausowenig wie deren familiäre Lebensentwürfe. Stattdessen haben wir jede Menge Jammerer – männlich und weiblich – die Heimat, Zuhause und Wärme vermissen und dies über Wellness, Psycho und emotionale Ausbeutung versuchen zu kompensieren. Ulrich Beck hat das mal ganz gut dargestellt in seinem Buch „Kinder der Freiheit“ …

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