Mein 9. November 1989

25. September 2009 § 7 Kommentare

Über Chinomso bin ich bei Tonari gelandet, die ein ganz interessantes Thema am Wickel hat: „Mein 9. November 1989“ Da mache ich doch gerne mit, als westdeutsch sozialisierte Pflanze!

Mein Bezug zur DDR war gleich Null. Wir hatten keine Verwandten dort, aber welche in West-Berlin. Wenn wir diese besuchten, wurde unser Auto an der Grenze jedesmal auseinandergenommen. Rückbank raus usw. Die gespenstische Szenerie ist mir bis heute bildhaft in Erinnerung. In der Schule war die DDR für uns eine weiße Leinwand. Das Wenige was uns vermittelt wurde war, daß die Elbe dort entspringt und Dresden im Krieg in Schutt und Asche gelegt wurde. Bücher wie „Der geschenkte Gaul“ von Hildegard Knef oder „Die Hügel von Berlin“ von Stéphane Roussel habe ich sehr viel später gelesen, genauso wie Dönhoff und viele andere Bücher … vielleicht war das meine ganz persönliche Reaktion auf die Ereignisse?

Wie war nun ‚mein‘ 9. November 1989? Natürlich lief auch bei uns den ganzen Tag der Fernseher (ein außergewöhnliches Ereignis), aber man war auch eingebunden mit den kleinen Kindern, denen man dieses Spektakel gar nicht erklären konnte. Und irgendwie war das alles sowenig real, als wenn da Bilder vor einem ablaufen und man gerne hinfahren möchte, um zu sehen ob es stimmt. Da kamen Gedanken auf, an die Pakete, die wir schulorganisiert jedes Jahr vor Weihnachten in die DDR schickten, jedes Gramm Mehl war vorgeschrieben und auch Länge und Gewicht einer Salami – und wenn ich intervenierte und fragte, warum wir nicht mal was ganz anderes darin verpacken, wurde ich wortkarg abgekanzelt.

Da klingelte das Telefon: „Wir fahren nach Eschwege, wir nehmen Bananen mit!“ – es war wie der Schleudergang meiner Waschmaschine … „Was, wie bitte?“  Peinlich und beschämend habe ich solche Reaktionen empfunden. Nein! Ich habe mich damals nicht ins Getümmel gestürzt, ich habe manche Freudenträne mitgeweint vor dem Fernseher, aber hatte doch auch ein mulmiges Gefühl darüber, wie das jetzt werden würde …

Meine Generation ‚westdeutsch‘ war wenig bis garnicht auf eine solche Situation vorbereitet. Ideen über Großdeutschland waren edukativ negativ belegt und wenn man zu den wenigen gehörte, die noch nicht einmal aktuell Verwandte dort hatten, dann war man fast überfordert von diesem Gang der Geschichte.

Einige Zeit später saß ich mit meinen Grundschulkindern am Tisch und lernte die neuen Landeshauptstädte der neuen Bundesländer …

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§ 7 Antworten auf Mein 9. November 1989

  • Ich kann mich direkt nicht mehr an den 9. November 89 erinnern. Ich war damals mit einem 1 1/2jährigen Kleinkind beschäftigt und mit dem zweiten Kind schwanger. Außerdem haben wir noch in unserem Wohnungsausbau gesteckt und ich habe mit schwangerem Bauch Türen gestrichen. Im Prinzip habe ich den Mauerfall natürlich mitbekommen, aber auf der anderen Seite ist das Ereignis auch ein wenig an mir vorbei gegangen.

  • tonari sagt:

    Okay, ich habe dich dann doch gefunden und werde Deine Geschichte des 9- November auch gleich verlinken.
    So „Bananennummern“ fand ich auch mega peinlich. Ich wollte nicht als armer Ossi behandelt werden. Echtes Interesse hingegen war selten…

    • ankeberlin sagt:

      Hallo Tonari, schön daß Du mich gefunden hast. 🙂 Ja! Die ‚Bananen-Nummer‘ war mega-peinlich!!! Ich schäme mich aber jetzt nicht für meine westdeutschen Mitbürger 😉 Ich hatte eine schöne Erfahrung am 30. Dezember 1989, als wir einen Tagesausflug nach Erfurt starteten … aus reiner Neugierde! Wir landeten auf einem Schlagloch-Parkplatz, wie er offensichtlich üblich war in der City dort, der Regen gab noch etwas Feeling oben drauf. Zwei kleine Kinder und wir standen orientierungslos im Matsch. Zack, zack war da ein freundlicher Mensch, drückte uns die Fotokopie einer City-Map in die Hand (von Copyright reden wir hier heute mal nicht ;-)) und schon konnten wir uns orientieren und die Highlights von Erfurt ansteuern. Und irgendwie hatten wir auch mal Hunger bzw. die Kinder schon lautstark … wir strebten also eine Gaststätte an, ohne zu wissen wie das da jetzt funktionieren würde.

      Man mußte anstehen und warten, bis ein Platz frei wurde, wir trugen es mit Fassung, unsere Kinder mit Ungeduld – nach dem Motto, wo gibt’s den sowas? 😉 Aber es kam der Zeitpunkt und wir wurden einem Tisch zugeteilt, an dem zwei Studenten saßen. Recht zügig bekamen wir eine leckere Roulade mit Rotkohl und Klößen. Und ganz nebenbei wurde eine wunderbare Freundschaft geboren. Bis heute haben wir Kontakt zum ehemaligen Studenten, der längst keiner mehr ist, der inzwischen die Welt für sich erobert hat, über diese die Heimat aber nie vergaß und nicht vergessen musste.

      Wunderbar! Für mich wäre ein solches Erlebniss eher ein Wunder gewesen, für mich als Westdeutsche war klar, daß Heimat und Auskommen nicht unbedingt kompatibel sein würden, daß Mobilität Vorraussetzung ist … den Preis bestimmt jeder selbst! Das dies mal anders sein könnte, wäre eine Illusion gewesen!

  • chinomso sagt:

    Deiner ist wieder ein ganz anderer Blickwinkel. Sehr interessant. Ich höre das oft von Freunden, die keine Kontakte in die DDR hatten, dass es ihnen ein wenig bange wurde. Was kommt da? Das waren auch deren Gedanken. Und ich kann es gut verstehen. So fremd waren mir die Westdeutschen auch, als ich 1983 nach Bielefeld übersiedelte. Ich kam mir vor wie Alice im Wunderland. als ich das erste Mal einkaufen ging.
    Und ich wurde von den Westfalen hinter der Gardine hervor beäugt wie ein seltener Käfer. Da hieß es: Der Nachbar hat eine aus dem Osten geheiratet. Mal sehen, was das für eine ist.

    Und heute? Da fühle ich mich weder ostdeutsch noch westdeutsch. Einfach nur deutsch. Oder nicht mal das. Und es ist gut so. Finde ich.

    • ankeberlin sagt:

      ‚West- oder ostdeutsch‘, oder nur deutsch? Können wir das eigentlich schon beurteilen? Wir, die wir so oder so sozialisiert wurden in Traditionen, die schon lange vor der Wende, schon lange vor der Teilung, schon lange vor den Kriegen ihre Ursächlichkeit erfuhren?

      Ich glaube eher daran, daß unsere Kinder uns noch Fragen stellen werden, auf die wir nicht wirklich vorbereitet sind … (?)

  • tonari sagt:

    Konsum ist das eine. Das andere ist die persönliche Freiheit, eigene Entscheidungen treffen zu können.
    Ich muss mir beispielsweise nicht mehr vom staatlichen Buchhandel (und /oder meinen „Beziehungen“) vorschreiben lassen, was ich lesen darf. Ein Roman von Günther Grass oder Heinrich Böll ist unkompliziert beschaffbar, auch für Menschen mit wenig Geld.
    Wir haben unser Auskommen, wir sind glücklich mit dem Zugwinn an Lebensqualität, mit der für uns möglichen, weil bezahlbaren „Eroberung anderer Kulturen“ und vor allem damit, unsere Kinder nicht so erziehen zu müssen, dass das Leben und Sagen zu Hause nichts mit dem im öffentlichen Raum zu tun hat.
    Ich könnte Schreikrämpfe kriegen, wenn ich sehe, wie schnell manche Mitmenschen solche Dinge außerhalb des Konsums vergessen.

    • ankeberlin sagt:

      Interessante Gedanken! – vorallem wenn man sie wertfrei in unterschiedlicher Sozialisation betrachtet. Was ist ‚Konsum‘? Letztendlich doch nur additiv individuelle Wertschöpfung? Ob diese nun beim Discounter, im Buchladen oder innerhalb inmaterieller Themen stattfindet, ist letztendlich nicht differenzierbar.

      Materieller Konsum ist relativ sichtbar, inmaterieller nicht auf den ersten Blick – eine Bewertung in keinem Fall einfach. Nur so lässt sich Qualität empfinden …

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