42 Bürger

20. Oktober 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

… vor mir hatten eine Wartemarke gezogen im zuständigen Bezirksamt.

Es war kalt, aber sonnig – also habe ich mich auf’s Radl geschwungen, um die vermeintlich einfach zu erreichende Adresse an der Karl-Marx-Allee zu finden. Natürlich auch, weil ich endlich meine Lederhandschuhe gefunden hatte, war es die beste aller Entscheidungen. Herrlich, bei klarem Wetter, Wind und Sonnenschein an der Spree entlang  zu radeln. Bis zum Alex(anderplatz) habe ich ja schon ganz schöne Radl-Routen herausgefunden. Aber dann …

Rund um den Alex gibt’s einfach gar keine Straßenschilder mehr. Warum auch, der Berliner kennt sich aus, die Touristen sind beschäftigt mit Suchen und die Neubürger kriegen die Krise. Die einstige Vorzeigemeile, die kommunistische Militärparaden erlebt hat, ist einfach nicht auffindbar? Fragt man Leute, die sich vermeintlich auskennen, erntet man ein Schulterzucken oder aber eine Wegbeschreibung a la links, rechts, links,rechts, geradeaus …

… es geht aber überall links, rechts oder geradeaus – auch unabhängig von politischen Ansichten. Aber irgendwann hatte ich die richtige Meile gefunden und dann kam es zu besagter Wartemarke … ich hatte noch nicht gefrühstückt! 😦

Für mich als westdeutsche Pflanze ist es immer noch eine fremde Welt: diese riesengroßen Wohnbunker – schnörkellose Klötze, inzwischen etwas bunt angehübscht. Vor dem Riesenklotz von Bezirksamt steht ein kleinerer Klotz, ein Theater. Es gibt schon auch Bäume, aber mehr Strassenpflaster ohne Unterbrechung.

42 Menschen vor mir, das lässt auf Stunden an Wartezeit schließen und entsprechend sagte mir die äußerst nette Empfangsdame: „Gehen Sie in aller Ruhe ihre biometrischen Fotos machen lassen, ist im 1. Stock!“ Was ein Service!!! Ich bin überrascht! Gehe nur eine Treppe höher und schon ist da ein Fotograf, um den Ansprüchen des Gesetzgebers  zu entsprechen. Der gibt sich auch noch Mühe und ist richtig nett. Ich bin kein Mensch für Kameras und schon gar nicht, wenn ich mit den Augen auf Kommando lächeln soll (der Mund bleibt geschlossen für biometrische Fotos, für alle Nichtwisser) Mit den Augen lächeln? Ohne Frühstück, in Erwartung einer mehrstündigen Wartezeit??? Beim 3. Anlauf winke ich ab, ist mir ziemlich wurscht, was für ein Foto auf meinem Führerschein prangt! Der Fotograf ist mehr verzweifelt als ich, also versuchte ich ihn ein bißchen aufzurichten – schließlich lag es wirklich nicht an ihm!

Der Wartesaal war nun nicht unbedingt der Aufenthaltsort, den ich suchte – schon gar nicht in Zeiten informationspolitischer Fehldiskussionen, was die Schweinegrippe betrifft. Die Sonne schien nach wie vor, ich war warm genug angezogen, die Zigarette schmeckte hervorragend vor der Tür, mit Blick durch’s Fenster auf die Wartenummern-Situation. Da kam endlich der Ehemann, der ein gleiches Anliegen hatte und priviligiert durch seine Verheiratung mit mir, auf der gleiche Wartemarke bedient werden konnte (wenn das kein Grund zum heiraten ist ;-)) Er brachte jedenfalls ein Croissant mit, was meine hungernden Magensäfte ausgesprochen positiv empfanden 🙂

Aber irgendwie war’s jetzt auch zu spät und das Croissant verlangte nach einem Kaffee. Leider gab’s in der Ödnis nicht wirklich eine Coffeeshop oder sonst was Schnellimbissmäßiges – schließlich waren wir auf Wartemarke! Tja, blöd gelaufen für Leute, die lieber in der Sonne qualmen. Steht doch im Eingangsbereich ein großes Schild, auf dem man in die Betriebskantine eingeladen wird. Sowas hab‘ ich im Westen über 50ig Jahre lang nicht erlebt! Schnell nach der lfd Nummer geschaut und hinein ins Vergnügen. Da waren wir echt platt!  Gab’s doch glatt eine lukullische Auswahl an kleinen Köstlichkeiten im Kantinen-Ambiente! Den Hinweis darauf, daß Mitarbeiter bevorzugt bedient würden, aufgrund begrenzter Pausenzeiten hielten wir für selbstverständlich und mehr als akzeptabel, schließlich zählten wir auch zu den Wartenden.

Zweimal Kartoffeln mit Quark, Zwiebeln, Petersilie und Leinöl oder Butter für insgesamt 4,20 Euro, in Portionen die wir nicht wirklich vollständig verdrücken konnten und trotzdem lecker waren! Die Bedienung war supernett und voll Verständnis für unseren Wartenummern-Stress!

Für den Kaffee hat’s dann nicht mehr gelangt, da waren wir endlich an der Reihe: Alles wunderbar, locker schöne Atmosphäre, nette Mitarbeiter in dem Amt! Anderes kann ich nicht berichten, denn so nette Leute muss man in westdeutschen Amtsstuben suchen – sie gibt es, aber eben leider zu selten …

Zufrieden, gut genährt und die erforderlichen Dokumente in Händen verließen wir die äußerlich öde wirkende Stätte neudeutscher Amtskultur. Was ‚innere‘ Kultur betrifft, so können sich viele Amtsstuben der Republik – egal ob Ost oder West hier Einiges abschauen!

PS: Weniger vereselte Menschen, wie wir, treffen natürlich vorab eine Terminvereinbarung. Auch das ist möglich, war mir leider vorher nicht bekannt … aber wie immer gibt es einen Zeitpunkt, ab dem man ‚wissend‘ ist … 😉 Allerdings hätte ich einige Erfahrungen nicht gemacht … so gesehen war’s ganz Okay – so wie’s gelaufen ist! 🙂

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