Frida in Berlin

4. August 2010 § 2 Kommentare

… oder die Kunst der Katastrophe – so könnte man titeln …

Zugegeben! Ich hätte etwas eher in die Ausstellung gehen können, dann hätte ich wahrscheinlich mild lächelnd die Zeitungsartikel der vergangenen Woche gelesen, in denen Wartezeiten von 7 bis zu 9 Stunden angekündigt wurden. Aber wie das so ist, es kommt immer etwas dazwischen.

Jetzt sah ich meine Chance nur noch darin, den Wecker möglichst früh zu stellen, um schon lange vor Öffnungszeit vor Ort zu sein. Mit meinem Frühstück in der Tüte, ein noch schnell gekauftes Croissant, reihte ich mich also in die Warteschlange ein, ein kurzes Stück vor diesem Schild

Natürlich hätte ich mir auch eine VIP-Karte kaufen können, dreimal so teuer, das hätte mir drei Stunden weniger Wartezeit beschert und das Finanzamt wäre auch noch beteiligt gewesen. Aber meine Aversion gegen den sog. Kaviarsozialismus lies mich schon fast zum religiösen Märtyrer werden. Nun wollte ich diese vielen Menschen sehen und erleben, die sich so was antun, wegen einer Kunstausstellung.

Und tatsächlich, man wird um Erfahrungen reicher. Hat man vermeintlich nur zwei Leute aus Dresden vor sich stehen, werden daraus in den nächsten 2 Stunden mindestens 8! Hinter mir wurden aus zwei Bielefeldern 4 und aus einem Magdeburger 3! Das ist die praktische Bewältigung optimierter Warteschlangentheorien – so mein Eindruck! Ein oder zwei Leute stellen sich an und rufen dann bei entsprechendem Fortschritt ihre Freunde und Bekannten an, die dann in aller Ruhe noch duschen, frühstücken und sich auf den Weg zum Ort des Geschehens machen. Gegen Mittag war die Einlassquote bei 5 Personen pro halbe Stunde! Dazwischen gesellten sich die VIP’s.

Man erlebt auch sonst noch so einiges in dieser Zeit. So nimmt man zur Kenntnis, dass der Türsteher kein französisch spricht und auch nicht auf Übersetzungen aus dem Publikum reagiert, weil mit ihm in Frankreich schließlich auch niemand Deutsch sprechen würde. 😦

Innerhalb des Gebäudes hat man noch ca. eine Wartestunde vor sich und dann endlich betritt man den begehrten Ort: Die Ausstellung! Ich hatte mich durch den bereits gekauften Katalog gut vorbereitet, so konnte ich gezielt auswählen und ansteuern. Die ersten Räume waren  zwar voll, aber für diese Verhältnisse noch erträglich. Die letzten Räume fielen dann allerdings für mich fast aus. Hier standen die Menschen zweireihig mit ihren Audioguides und selbst das ‚Blick erheischen‘ war nicht mehr möglich.

„Hat es sich denn gelohnt?“ werde ich seither immer wieder gefragt! „Ja!“ – für mich war es ein Highlight, diese Bilder im Original zu sehen. Hätte ich mir nur aufgrund der inhaltlichen Darstellungen, diese Strapaze angetan, dann wäre ich enttäuscht gewesen – denn die Katastrophen um Frida Kahlo kannte ich bereits aus intensiver Beschäftigung, was Leben und Werk dieser Künstlerin betrifft. Aber Bilder zu sehen, die handwerklich einfach genial sind, das ist schon ein ganz großes Erlebnis. 🙂

Und für mich persönlich wäre es eine große Enttäuschung geworden, demnächst während meines Mexico-Urlaubes, diese Bilder nicht sehen zu können, weil sie noch in Europa sind.

Dem Veranstalter kann ich keine Komplimente machen. Die Organisation ist katastrophal, elitär, zum Teil unfreundlich und die Räumlichkeiten in keiner Weise angemessen. Ich hoffe, in Wien bekommen diese Bilder demnächst einen angemessenen Rahmen. Berlin hat sich, was diese Ausstellung betrifft kulturell zwar hervorgetan, ist aber weit hinter internationalen Maßstäben zurückgeblieben – auch ein politischer ‚Faux pas‘!

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§ 2 Antworten auf Frida in Berlin

  • marie418 sagt:

    Also für Frida Kahlo würde ich auch lange, lange anstehen, das würd ich so gerne mal sehen. Aber hier in der Einöde gibt es das ja nicht *seufz.

    • ankeberlin sagt:

      Auf nach Wien, liebe Marie! Dort wird die Ausstellung demnächst zu sehen sein. Aber besorge Dir lieber vorher Karten. Aber vielleicht ist die Ausstellung dort nicht so schlecht organisiert wie hier? Gestern nahm der Chef des Gropius-Bau im TV Stellung zum ‚Warte-Desaster‘. An dem Eingeständnis eines dicken Marketing-Fehlers kommt er wohl kaum vorbei …

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