Westdeutsche Ignoranz?

15. August 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Wowereit wirft Wessis Ignoranz vor in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung!

‚Wir‘ Westdeutschen sollen jetzt also den Kopf hinhalten für Fehler, die durch politische Polarisierung entstehen? Wie kann ein 100% Westberliner, wie Herr Wowereit das eigentlich beurteilen?

Es gibt ja nicht nur ‚Ossis und Wessis‘, sondern auch West- und OstBerliner und dies scheint innerhalb dieser Diskussionen vollkommen unter zu gehen?! Berliner wurden hoch subventioniert und bevorteilt, das hat zu viel Unmut beigetragen, nicht nur in Folge der Wende, und hat letztendlich mit ‚Ossis und Wessis‘ überhaupt nichts zu tun.

Wer sollte denn wessen Befindlichkeiten wahrhaben? Steht hier vielleicht eine insgeheime Sehnsucht nach dem ‚Verwöhnfaktor‘ eines waschechten Berliners im Vordergrund? ‚Ossis und Wessis‘ haben vollkommen unterschiedliche Sozialisationen hinter sich, aber selbst darüber noch etwas gemeinsam, nämlich den Unterschied zu einer Berliner Sozialisation.

Die Wende habe ich in Hessen erlebt und es waren ihre Parteikollegen, sehr geehrter Herr Regierender, die mit Bananen an die Grenze gefahren sind. Befremdlich und unwürdig – so habe ich dies empfunden. Viele Ossis übrigens auch, so stellte es sich durch entstandene Freundschaften heraus. Nach den Bananen waren wir die Besserwessis, selbst dann wenn wir diesen Kitsch gar nicht mitgemacht haben. Jahre später staunten wir, weil wir beim Einchecken im Hotel irgendwo in Ostdeutschland, das Frühstücksei gleich mitbestellen mußten – aber Okay! Andere Länder, andere Sitten – und so ist es: Wir heißen zwar alle ‚deutsch‘ sind aber anders – das entspricht doch nur der Logik, wenn man das Geschichtsbuch aufschlägt.

Sie sind nur ein paar unwesentliche Jahre älter, als ich und wollen mir den Nostalgie-Kohl erläutern? In der Tat gehöre ich zu denjenigen, die es besser gefunden hätten, wenn der Regierungssitz der BRD in Bonn geblieben wäre. Es wäre nicht nur wesentlich billiger für den Steuerzahler gewesen, sondern auch chancenreicher und effizienter für die Allgemeinheit. Allein der Palastrummel hätte sich gedämpfter gestaltet. Wir Westdeutschen sind da nämlich nicht alle scharf drauf!

Nicht Unstetigkeit, sondern erforderliches mobiles Leben im Broterwerb, in Verantwortung für eine Familie, hat mir dann das Schwabenland beschert. Das war selbst für mich als erprobte Westdeutsche (Bayern, Bremen, Niedersachsen, Baden, Hessen) eine interessante Erfahrung. Und klar hatte ich Verständnis für den Heizungsmonteur und seinen Wunschtermin, weil er doch nachhause, noch ganz nach Sachsen-Anhalt fahren musste – an diesem Tag …! Ich hatte schließlich auch schon öfter im Leben ‚meinen Kiez‘ verlassen … müssen!

Zu ostdeutschen Belehrungen, wann ich wie und wo meine Kinder erziehen darf  und sollte, habe ich einfach keine Beziehung, genauso wenig wie zur sog. Jugendweihe oder Sommerausflügen im FDJ-Stil zur Apfelernte. Denn auch wir Westdeutschen haben eine Geschichte, so gar sehr gemeinsam mit den Ostdeutschen, übrigens auch mit den Österreichern!  Man darf sich auch ‚gemeinsam‘ erinnern  – ich find’s sogar gut, weil es mehr Gemeinsamkeiten aufzeigt, als ein Leben gekappt in Gegenwart.

Vielleicht könnte man auch mal andere Befindlichkeiten verstehen lernen oder auch einfach nur tolerieren? Den Ponyhof in Lichtenrade kennen sie sicher? Ich auch, 1968 konnte ich die dörfliche Idylle ganze fünf Ferienwochen genießen – wunderbar! 🙂 Zudem habe ich noch eine Menge mehr gesehen – damals! Berlin ‚tickte‘ auch damals schon anders. Heute wird die Religionsdiskussion um den Atheismus bereichert mit dem Menschen aus christlichen Kulturen schwer zurecht kommen und die Angst vor dem Kommunismus ist doch nicht unberechtigt?

Geförderte Entfremdung innerhalb von Familien ist kein Fundament auf dem man einen Staat wie Deutschland entwickeln kann und wir Westdeutschen sind automatisch in eine Welt diesbezüglich hineingewachsen, die mit ostdeutscher Lebensweise keinerlei Kompatibilität herstellt. Das kann man zur Kenntnis nehmen! Und die Berliner sind ein Thema für sich, vor deren Querelen stehen ‚Ossis und Wessis‘ oft  gemeinsam ratlos da …

… so wie vor Ihnen, sehr geehrter Herr regierender Bürgermeister, mit ihren Äußerungen im erwähnten Artikel!

Berlin lebt von Chillout, Subkultur, Hochkultur, Hofschranzen, Multikulti und Ignoranz. Das finden viele spannend, egal ob sie vom Ponyhof kommen oder die Reichen, Schönen und Berühmten suchen. Und was wollen Sie jetzt regulieren? Muß sich nicht jeder gemeine Politiker hier zuerst an die Nase fassen?

Westdeutsche haben inzwischen einen dicken Hals, genauso wie Ostdeutsche und ich weiß nicht wirklich, ob aufgrund dieser Tatsache auch noch die Befindlichkeiten der Berliner bedient werden können? Aber da liegt wahrscheinlich genau Ihr Problem? Allerdings lösen die Menschen auf der Strasse diese Probleme leichter und unbeschwerter als politische Wahrnehmung es offensichtlich vermutet.

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