Ohne Sonderzug nach Pankow

25. April 2011 § 4 Kommentare

Ostersonntag! Ein Wetter zum Reisen. Wir nahmen nicht den Sonderzug nach Pankow, sondern probierten den Radweg an der Panke entlang. Kurz nach dem Wirtschaftsministerium fingen wir an, diesen kleinen Bach zu verfolgen und hatten anfangs wenig Glück. Ein großer Energiekonzern und ein großer Pharmakonzern vereinnahmen das Ufer. Aber dann fanden wir den richtigen Weg – und siehe da, es ist sogar der Fernradweg ‚Berlin – Usedom‘. Im tiefsten Wedding, eigentlich im Stadtteil Gesundbrunnen fanden wir, fernab österlicher Massentouristen ein Refugium der besonderen Art: den Panke-Weg. Immer am Bach entlang, fährt man durch Grünanlagen, die sich wie ein Band durch so manche Häuserschlucht drängelt. Mal hier alte belebte oder nicht belebte Fabrikruinen, mal dort alte, mittelalte oder neue Mietskasernen, Spielplätze, Sportanlagen, Parks und Wiesen

Diese ‚Kafé-Küche‘ am Uferweg hatte leider geschlossen, dafür ließen wir uns im idyllischen ‚Mirabelle‘ kurz hinter der S-Bahnbrücke nieder. Während ich meinen Cappuccino genoss, wanderte ein Teller mit Lammcarré und Prinzessbohnen an den Nachbartisch und ich bereute schlagartig, so spät gefrühstückt zu haben. Um wirklich hungrig zu sein, hatten wir noch nicht genügend Wegstrecke hinter uns gebracht.

Nun hatten wir auch noch ein Kartenproblem. Meine taschentaugliche Strassenkarte löst sich langsam ins Nichts auf, einige Stadtbezirke sind mir schon ob häufiger Benutzung abhanden gekommen. Die uralte, Baedecker-Karte aus Vorwende-Zeiten ist nicht mehr auf dem neuesten Stand, das konnten wir annehmen. Trotzdem versuchten wir den Weg weiter an der Panke. Und siehe da: der Weg ist wunderbar weiterhin im Grünen befahrbar, bis hinein nach Niederschönhausen, bis hinein in den Park von Schloss Schönhausen.

Während sich, was anzunehmen ist, die Touristenmassen durch Potsdam und Sanssouci schieben, um die Hinterlassenschaften ‚Friedrichs des Großen‘ zu bewundern, fanden wir uns im Domizil seiner verschmähten Frau Elisabeth Christine wieder. Der berühmte König schenkte ihr zwar kurz nach der Hochzeit das Schloss Schönhausen, sie durfte sich ihm aber, bis auf 25 Meilen nie nähern. Und so kam es, dass sie nur ein einziges Mal in ihrem Leben in Potsdam war, auf der Flucht und als der König selbst nicht anwesend war.

Im letzten Jahr ist das Schlösschen, nach aufwändiger Renovierung, wieder eröffnet worden. Wir legten also eine Besichtigungspause ein. Da das Gebäude auch mal Sitz des einzigen Präsidenten der DDR war, kann man auch diese Räumlichkeiten frisch renoviert bewundern. Die Nachkriegsmoden hatten in West und Ost ihren eigenen Charme, was sich aber aus DDR-Zeiten bis in die 1990er Jahre erhalten hat, ist genauso sehenswert wie die Seidentapeten aus dem 18. Jahrhundert. Und ja, es ist schon einwenig amüsant, zu sehen in welchem Ambiente die Staatsgäste sozialistischer und kommunistischer Staaten empfangen wurden.

Schade finde ich, dass man nichts über die Seidenraupenzucht und Seidenmanufaktur sehen kann, die Elisabeth Christine damals einführte und auch nichts über ihre Bezüge zur Literatur und ihren französisch verfassten Werke. Stattdessen findet der Technik-Freak detailliertes Material über Bausanierung – nun gut! Die Mauer hinter dem Teehaus trennt den Stadtteil und darüber ärgern sich viele Pankower, wie wir aus erster Hand erfuhren. Ob die Gärten wieder im historischen Sinne angelegt werden? Es wäre schön, immerhin war auch hier Lenné am Werk.

Wir verließen Pankow in Richtung Weissensee und verfuhren uns mehrfach. Die Baustelle am Bahnhof Pankow brachte uns irgendwie aus dem Konzept und auf einmal gab es überall eine ‚Berliner Strasse‘ – da muss man sich dann schon auskennen. Letztendlich fanden wir aber unser Ziel

Mal wieder ein idyllisches Plätzchen mitten im Häusermeer Berlin’s ausfindig gemacht! Ich war inzwischen halb verhungert und dachte nur noch an Lammcarré mit Prinzessbohnen, da konnte mich die ausführliche Spargel-Karte im Milchhäuschen am Weißen See auch nicht trösten. Ich verspeiste, vollkommen unüblich für mich, ein Riesenstück Rhabarberkuchen

Soviel Kuchen und Eis, wie ich während meiner Zeit hier in Berlin gegessen habe, habe ich gedachte 50 Jahre vorher nicht in mich hinein getan – vielleicht ist es etwas Berlinisches? Zwei Sonnenstrahlen und die Berliner und Berlinerinnen haben eine Eistüte in der Hand – das ist wahrscheinlich ansteckend? 😉

Der jüdische Friedhof in Weissensee muss auf einen nächsten Besuch warten, wir radelten mit Pit-Stop an der Ackerstrasse nachhause – und dort gab es nur noch eins: Beine hochlegen … 😉

Es war ein schöner Ausflug! 🙂

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§ 4 Antworten auf Ohne Sonderzug nach Pankow

  • mayarosa sagt:

    Das klingt nach einem wunderbaren Ausflug. Und ist es nicht so, dass man dann zwar müde, aber auch glücklich ist, wenn man nach so einem Tag die Beine hochlegt? Liebe Grüße

    • ankeberlin sagt:

      Es war ein toller Ausflug! Und letztendlich gäbe es noch sehr viel mehr Geschichte(n) am Rande zu erzählen! Aber positive Erschöpfung hat in der Tat auch was Gutes. Am Rande entdeckt man dies und das und erkennt, dass man wiederkommen muss … 🙂 Im Moment aber, kann man ganz entspannt mal die Beine hochlegen: Richtig! Liebe Grüsse an den Rhein 🙂

  • podruga sagt:

    schöner bericht!
    frage einer pankowerin (die dicht am schloss wohnt):
    „Die Mauer hinter dem Teehaus trennt den Stadtteil und darüber ärgern sich viele Pankower, wie wir aus erster Hand erfuhren. Ob die Gärten wieder im historischen Sinne angelegt werden? Es wäre schön, immerhin war auch hier Lenné am Werk.“

    welche mauer meinst du? die zum schlosspark hin? oder die nächtlich sperrung durch das schloss hindurch zwischen alt-pankow und niederschönhausen?

    • ankeberlin sagt:

      Ich meine die Mauer, direkt im Park hinter dem Teehaus. Wir sind nämlich, auf wundersame Weise, erstmal am Schloss vorbei geradelt und waren auf einmal auf der Schlossallee. Dort trafen wir eine Anwohnerin, die uns netterweise den Weg erklärte und darüber hinaus auch Wissenswertes bereit hielt, was in der ehemaligen Planung die Strassenachsen betrifft. Fährt man nämlich durch die Schlossallee direkt auf das Schloss zu, steht man auf einmal vor einer Mauer und als Nichtwissender weiss man auch erstmal nicht, ob man nun links oder rechts herum zum Eingang gelangt. Wer diese Mauer gebaut hat und warum, wußte die Dame allerdings auch nicht.

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