Die Verliererinnen

21. Februar 2012 § Ein Kommentar

Gespannt verfolge ich aus der Ferne die politische Entwicklung in Deutschland. Ich hoffe, Joachim Gauck ist dem Amt des Bundespräsidenten mehr gewachsen als sein Vorgänger, insgesamt gesehen erzeugt die politische Situation bei mir, als Angehörige der westdeutschen Baby-Boomer-Generation, jedoch ein ziemliches Unbehagen.

Christian Wulff hat der Generation der Baby-Boomer die Hörner aufgesetzt, wirklich geschadet hat er damit den Frauen und vor allem den Müttern darunter. Mit Glamour und Kinderlachen im Schloss, kann man die Versäumnisse der Familienpolitik nicht übertönen. Nun retten sich die Parteipolitiker wieder in die Arme alter Vorbilder, deren Zeit längst vergangen ist. Ans Licht kommt dabei die Unfähigkeit der derzeitigen und vergangener Regierungen, in deren Politik man keine Spur von Nachhaltigkeit finden kann. Die Gesetzeslage gestaltet sich different zu konservativen Wertmaßstäben, die sich nun auf einmal wieder etablieren sollen. Mal wieder wird die Kluft zwischen Realleben und Paralleluniversum deutlich. Eine Regierung, die nicht mehr weiß, wo sie regiert ist eine Ansammlung überbezahlter Hobby-Theoretiker, deren Existenz man durchaus hinterfragen darf.

Durch die Wende bzw. Wiedervereinigung gerieten die westdeutschen Frauen und Mütter ins Hintertreffen. Die Altersversorgung, dezimiert, durch die latent fehlende Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familienarbeit, auch dezimiert durch nicht zeitgemäße Scheidungsgesetze, hinterlässt der Zukunft Heerscharen an Frauen in Altersarmut. In erster Linie waren es auch Frauen in der Politik, die wenig dazu beigetragen haben, diese Zustände zu ändern. Sie haben ihren Auftrag einfach nicht wahrgenommen.

Jedoch sind Frauen, explizit Mütter selbst nicht ganz unschuldig an dieser Situation. Mitten in ihrer Familienzeit wurden sie regelrecht überrannt von der Wende und all‘ den Ereignissen. Relativ unpolitisch erzogen, lernten sie mit ihren Kindern lieber die Namen der neuen deutschen Bundesländer, als sich vehement für ihre Altersvorsorge zu interessieren und einzusetzen. Allerdings fehlt einer Mutter, die ihren Erziehungsauftrag ernst nimmt, auch die Zeit, sich politisch zu engagieren.

Ob es nun mit der Kombination ‚Gauck-Merkel‘ eine Aufarbeitung dieser Mißstände geben wird? Werden sie sich opportunistisch den Alten und den Jungen widmen und die Wende-Generation zu einer vergessenen Generation machen? Müssen wir uns Integrations-Debatten anhören, über die wir selbst immer mehr aus einem Staat gedrängt werden, in dem wir geboren und aufgewachsen sind? Und müssen wir Traditionen übernehmen, die wir nicht kennen? Die nötige Toleranz ist geboten, ansonsten dürfen auch wir alt werden, wie wir es mögen.

Bei all‘ dem freue ich mich, dass wenigsten einige dieses Thema aufgenommen haben, um laut darüber nachzudenken. Der Zeitpunkt ist der denkbar richtige.

Frank Schirrmacher in der FAZ vom 19.2.2012 ‚Der Sturz der Baby-Boomer

Klaus Raab in ‚der Freitag‘ vom 21.02.2012 ‚Je oller, desto doller

Birgit Emnet im Wiesbadener Kurier vom 15.02.2012 ‚Altersarmut: Wiesbadener Frauen der Babyboomer-Generation finanziell oft nicht finanziell abgesichert‘

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