Freiheit?

19. März 2012 § 10 Kommentare

Berlin - unter der Brücke zum Kanzlergarten

Schattenlichter

Herzlich Willkommen in der Nachbarschaft, Herr Bundespräsident! Ich bin zwar gerade nicht zuhause, aber demnächst radle ich mal bei Ihnen vorbei – auf dem Weg zur Post.

Selbstverständlich nehme ich auch aus der Ferne teil an den politischen Ereignissen in Deutschland, das ist ja das Schöne am Internet! 🙂 So oft wie heute, hab‘ ich das Wort ‚Freiheit‚ über deutsche Medien noch nie vernommen. Und unwillkürlich musste ich darüber nachdenken, dass meine Freiheit da aufhört, wo die eines anderen anfängt – oder andersherum. Wenn man aus dem Schatten ins Licht kommt, übersieht man leicht die Schatten, die es im Licht gibt.

Zitierte Stichworte:

Unser‚ Land? – mein Land gibt es nicht mehr, wie sollte ich jemals zu einem ‚unser‘ kommen?

‚Die BRD = ein sozialer Rechtsstaat‘? – bei westdeutschen Müttern haben die politisch Verantwortlichen der letzten Jahrzehnte sozial und rechtlich total versagt

‚Die tiefe Sehnsucht in Osteuropa‘? – auch Westdeutsche haben Sehnsüchte

‚Solidaritätszuschlag‘? – nicht nur in NRW sind die Zustände bedenklich

Ach, ich könnte diese Liste weiterführen, es wäre müßig. Seit über 20 Jahren verliert Westdeutschland, die ehemalige BRD seine Identität, jedenfalls für diejenigen, die in dieses Land hineingeboren wurden oder eingewandert sind. Ich gehöre dazu! Sind wir Egoisten, wenn wir bedauern dass wir unsere ‚Heimat‘ nicht wieder finden? Wo sollen wir sie denn suchen? Und was ist denn eigentlich ‚Heimat‘? Wir haben uns gefreut über die Freiheit, die durch die Wende für so viele Menschen möglich wurde, wir wurden aber gleichzeitig in unserer eigenen Freiheit eingeschränkt – das allerdings bemerkten wir erst sehr viel später.

Wer in den 70er/80er Jahren eine Familie gegründet hat, hatte den Solidaritätszuschlag nicht eingeplant, war aber solidarisch bereit ihn zu stemmen für 2 Jahre – so wie damals angekündigt. Wir zahlen ihn bis heute. Im Süden fuhren wir über Schlaglochpisten unsere Autos zu Schrott, während wir solidarisch Edelautobahnen in Ostdeutschland finanzierten. Beschimpft wurden wir als Besserwessis und eiskalte Kapitalisten und verstanden die Welt darüber nicht mehr. Die Alten strahlten uns glückselig an, aber wir hatten keine Zeit für ihre Emotionen. Zeit ist Geld und das braucht man, um seine Kinder in die Zukunft zu schicken. Selbst wer dem Materialismus nicht zugetan ist, muss das zwangsweise erkennen.

Welche Mühe machen sich eigentlich Ostdeutsche, die Probleme der Westdeutschen zu erkennen? Wie sieht es hier aus mit gelebter Solidarität und Toleranz?

In ein paar Wochen werde ich wieder in Berlin sein und mich wieder über die Verschwendungssucht der benachbarten Politszene aufregen … aber vielleicht gibt es ja jetzt jemanden in der Nachbarschaft, der da mal was sagt? 😉

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§ 10 Antworten auf Freiheit?

  • erinnye sagt:

    In einigen Punkten stimme ich vollkommen zu, wobei ich schon relativierend anmerken möchte, dass die gigantischen und in weiten Teilen wirkungslosen Subventionen, die nach Ostdeutschland geflossen sind (und nach wie vor fließen) nur teilweise bei „dem Ostdeutschen“‚ angekommen sind, vielmehr sind sie ja größtenteils an westdeutsche Unternehmen und Geschäftemacher gegangen. Auch in Sachen Toleranz der Ostdeutschen gibt es zwei Seiten: Zum einen gibt es wirklich massive Vorurteile gegenüber „Wessis“ und „Ausländern“, andererseits waren es eben die „Wessis“, die nach der Wende von der gefakten Rolex bis zur überteuerten Versicherung die „Ossis“ über den Tisch gezogen haben. Diese Erfahrungen sitzen tief. Ich habe mehrere Jahre in Ostdeutschland gelebt und gearbeitet. Was mich an dem Gauck-Hype stört ist einfach schon mal der Hype an sich, und zweitens die Tatsache, dass es ein rückwärts gewandter 72-jährigerer jetzt richten soll, ich denke, die Welt hat derzeit gravierendere Probleme als DEN KOMMUNISMUS, ja, und klar, die brotlose Schlecker-Verkäuferin freut sich bestimmt über ihre Freiheit und gestaltet in ihrer demnächst großzügig bemessenen Freizeit aktiv die Gesellschaft mit. Äh, ja.

    • ankeberlin sagt:

      Ja, die Überheblichkeit der westdeutschen Abzocker, die sich heute im Lehnstuhl auch noch damit brüsten, ist auch mir nicht verborgen geblieben. Vielen Dank, dass Du das hier im Kommentar erwähnst! Durch gute Freunde und langjährige Kontakte ist mir die ostdeutsche Mentalität nicht fremd und letztendlich, ziehe ich persönlich das Fazit, das das Zusammenleben relativ problemlos ist. Der Stachel im Fleisch ist die Politszene, in der jeder mit seiner Profilierungssucht für sich selbst sorgt. Gauck ist vielleicht im Moment gar kein Problem? Ein Problem ist die Tatsache, dass viele Westdeutsche sich regelrecht untergebuttert fühlen und zwar diejenigen, die keinen (mentalen oder materiellen) Profit aus der Wiedervereinigung ziehen konnten, sondern nur Verluste ernteten. Westdeutschland hatte vor der Wiedervereinigung schon seine Probleme zwischen Nord und Süd und das hat sich nicht automatisch durch die neue Situation in Luft aufgelöst, im Gegenteil: Jetzt werden wir nicht nur preussisch norddeutsch regiert, sondern auch noch ostdeutsch. Das ist anstrengend für Menschen, die andere Wertmaßstäbe haben. Vorallem ist es aber anstrengend für diejenigen, die diese Wende mit bezahlt haben, bezahlt durch Nachteile die durch politisches Vakuum entstanden sind. Vornehmlich Familien, die bis heute warten, das bestehende Gesetze endlich umgesetzt werden, leiden unter dieser Situation. Gauck selbst lebt uns unsere eigene Realität vor. Seine Partnerin ist nicht unsympathisch, trotzdem wählt er die eventuelle Witwenversorgung für seine Ehefrau und Mutter seiner 4 Kinder. Aber solange die weltfremden Politfrauen der derzeitigen Regierung am Ruder sind, ist der Blick in die Gegenwart verklärt und der in die Zukunft gar nicht möglich.

  • Vallartina sagt:

    Wird der Soli wirklich immer noch einbehalten? Boah!
    Wahrscheinlich kostet die in der BRD grosszügig vorhandene „Freiheit“ viel Geld… und deswegen muss man soviel über dieses hohe Gut sprechen.

    • ankeberlin sagt:

      Der Soli ist offenbar ein Gesetz, bei dem die Umsetzung täglich kontrolliert wird. Andere Gesetze, wie Kinderbetreuung etc. werden seit über 20 Jahren nicht umgesetzt. Dazu kommt, dass die Freiheit, wie sie Herr Gauck versteht, von seinen Untertanen nicht unbedingt als Freiheit verstanden wird – ein Mentalitätsproblem.

  • richensa sagt:

    Und plötzlich ist die Ost-Westdebatte wieder da! Gerne wird vergessen, dass der Solidaritätszuschlag auch von ostdeutschen Gehältern, die durchschnittlich immer noch deutlich hinter denen im Westen liegen, abgezogen wird. Und zwar auch von den Gehältern, die nicht einmal einen Stundenlohn erreichen, der in der Diskussion um einen Mindestlohn ist: der Reallohn in Ostdeutschland sinkt seit Jahren, u.a. auch dank der Zeitarbeitsfirmen und Dumpinglöhnen.
    Ich als geborene Westdeutsche lebe und arbeite seit Jahren in Ostdeutschland und werde bei Gelegenheit mal nach „Edelautobahnen“ Ausschau halten.

    • erinnye sagt:

      Ja. Unbedingt. Autobahnen sind nur Autobahnen. DER Ostdeutsche hat und hatte letztendlich genauso wenig Einfluß auf politische Geschehnisse wie DER Westdeutsche. Ich muss aber schon sagen, BEVOR ich dort gearbeitet habe, gab es für mich diese Kategorien gar nicht. Ich hatte Kolleginnen aus dem Osten, die Erzählungen waren interessant, aber es war irgendwie eine normale Situation zwischen Menschen, die Unterschiedliches erlebt hatten.
      Beim Arbeiten und Leben dort habe ich aber festgestellt, dass diese Kategorien DORT extrem lebendig sind, zumindest bei Menschen, die heute 50 und älter sind. In mittelständischen Betrieben, die schon vor Wendezeiten existierten lief es ja so ab, dass letztendlich die kadergeprüften Abteilungsleiter bestimmten, wer den Schrumpfungsprozessen zum Opfer fiel und wer nicht, d. h. vielfach sind bzw. waren bis vor kurzem die Schaltstellen in kleineren Unternehmen mit Leuten besetzt, die sich eben inhaltlich ziemlich mit der DDR identifizierten und noch identifizieren, was ich niemandem zum Vorwurf machen will, aber den einen oder anderen Spruch trägt es einem schon ein! Ich rede hier aber von der Provinz, nicht von Leipzig oder Dresden, dort ist es bestimmt anders.
      Dass die Löhne niedriger sind, halte ich für unangemessen, denn das Leben ist dort auch nicht billiger. In zwei ostdeutschen Länderparlamenten ist meines Wissens nach die NPD vertreten. Ich habe mich vor kurzem in einem anderen Blog ein wenig angelegt, weil ich mich dagegen gewehrt hatte, DIE SACHSEN mal global in den Kontext rechtsextremenfreundlich zu setzen, weil ich eigentlich der Meinung bin, es gibt nicht DIE ….. (bitte Ost-West-Schwaben…. ergänzen). Allerdings bin ich mittlerweile der Auffassung, Zustände aus polit. Korrektheit mit Schweigen zu vernebeln, bringt auch nichts. Vor dem Kaufland in der schwäbischen Kleinstadt stehen jedenfalls keine kahlgeschorenen Jugendlichen und entbieten strafbewehrte Grüße.
      Mal kurz gesagt: Die Kategorien OST – WEST sind im Osten deutlich lebendiger als im Westen. Zumindest meiner Erfahrung nach.

      • ankeberlin sagt:

        Ich habe genau diese Erfahrung auch gemacht. Schon bei meinen Besuchen in Berlin, wurde ich an jeder Ecke mit diesem Thema konfrontiert und als ich dann um ein paar Meter ‚doch‘ nach (ehemals) Westberlin gezogen bin, weil wir dort eine schöne Wohnung fanden, war ich schon wieder ein Klischee-Wessi??? Mein Auto habe ich ganz schnell umgemeldet, denn mit einem ‚S‘ auf dem Nummernschild wurde man gleich als Schwabe identifiziert und hämisch angeranzt. Ich bin gar keine Schwäbin! Ich habe in sog. Nachwendezeiten in Hessen, Baden und Württemberg gelebt, bin öfters in Bayern, Österreich und an der Nordsee, aber nirgendwo bin ich soviel mit den Unterschieden konfrontiert worden wie in Berlin?

        Hier in Mexico gibt es auch viele Deutsche und auch hier ist das Thema sofort auf dem Tisch, sollten sich ‚Ost und West‘ treffen. Warum? – frage ich mich und habe beschlossen das zu sein, was ich bin: Bayrisch! Deshalb gab es auch zu meiner Ausstellungseröffnung Brezeln, Bier und Wein und kein Sauerfleisch mit Bratkartoffeln, obwohl ich das unglaublich gerne esse 😉

        Und dann die Fragen der ganzen ‚Extranjeros‘ die seit ‚Urzeiten‘ im Ausland leben. Ich kann sie gar nicht beantworten, denn wie soll man das erklären? Wenn sie mich in Berlin besuchen, sind sie entsetzt über den Dreck und die Schmuddeligkeit, an die man sich gewöhnt, wenn man da lebt. Wie soll man überhaupt eine Regierung ‚Merkel‘ erklären? Meine ostdeutschen Freunde gehen da ja fast noch mehr an die Decke, als ich … ???

        Dass die Löhne niedriger sind, ist ein politisch erzeugtes Fiasko. Die von Kohl initiierte Währungsunion war doch eigentlich gar nicht tragbar, denn sie hat zwar kurzfristig viele Ostdeutsche ‚fast‘ reich gemacht, ihr Selbstwertgefühl allerdings langfristig mehr als sehr beeinträchtigt. Müssen also wir heute ausbaden, was die ‚Alten‘ in emotionaler Verklärung beschlossen haben?

        PS @erinnye: unsere Kommentare haben sich irgendwie überschnitten, das Erdbeben hat wohl die Leitungen langsamer gemacht? 😉

  • ankeberlin sagt:

    Es ist doch gut, dass die ‚Ost-West-Debatte‘ wieder da ist!? Nicht noch einmal kann man erlauben, dass Schweigen der Wut den Champagner reicht …

    Polemische Debatten finden nicht mein Interesse und ich weiß, wie es um die Stundenlöhne in Ost und West steht, auch ist mir nicht fremd, dass Ostdeutsche den Solidaritätszuschlag genauso tragen wie Westdeutsche. Zeitarbeit und Dumpinglöhne? Die wurden von Schröder(rot)/Fischer(grün) eingeführt und mit Begeisterung von der derzeitigen Regierung übernommen. Vergessen wir das nicht!

    Ich möchte eigentlich nur – mal wieder – darauf aufmerksam machen, dass die sozialen Mechanismen für westdeutschen Frauen, vornehmlich Mütter überhaupt nicht greifen. Die unterschiedlichen Vorraussetzungen finden überhaupt keine Anerkennung und das stört massiv. Merkwürdigerweise ‚beißen‘ ausgerechnet die Geschädigten dieser ganzen Wiedervereinigungsmisere solche Diskussionen regelrecht weg?

    Bei der Suche nach den Edelautobahnen kann ich die Umgehung Leipzig empfehlen, dort wurden Strecken tiefer gelegt um die Landschaft nicht zu zerstören, das Grundwasser wird laufend mit Hilfe von Elektroenergie abgepumpt. (Soviel zum Klimaschutz) Fussgänger und Radler haben somit keine Energieverschwendung um Steigungen zu bewältigen.

  • richensa sagt:

    Hm, ich lebe seit etwa 10 Jahren in Berlin, mein Kollegen- und Freundeskreis setzt sich aus Ost- und Westdeutschen zusammen, natürlich überwiegend aus der Generation, die die Wendezeiten nicht schon als jenseits der 40 erlebt haben. Komischerweise ist in meinem Freundeskreis die Frage eben keine Frage.
    Und ich erinnere mich gut an die Wendezeit, als ich von meinen französischen Freunden unverständlich angeschaut wurde, als ich mein Unbehagen über die schnelle Währungsunion äußerte. Als Anfang Zwanzigjährige konnte ich aber auch keine Alternative bennennen, außer dass alles viel zu schnell ging.
    Die Dumpinglöhne machen aber in Ost- wie in West die Probleme, da sie natürlich auch zum Finanzloch der Kommunen beitragen, und leider ist es auch keine Frage, dass dieses Modell (in Verbund mit dem Befristungsgesetz) weder von der hohen Politik noch von den Gewerkschaften abgeschafft werden wird. Traurig, aber wahr, egal, wo man wohnt..

    Die Grundwasserabsenkung bei Leipzig könnte möglicherweise auch mit dem Braunkohlenabbau zu tun haben. Da kenne ich einige Ecken, nicht nur in Sachsen oder Sachsen-Anhalt, wo Pumpen laufen müssen, damit es keine unkontrollierten Wassereinbrüche gibt, aber das ist ein anderes Thema…

    • ankeberlin sagt:

      Ich lebe erst seit 2009 in Berlin, hatte aber schon vorher nette Kontakte dorthin und viele Besuche hinter mir. Ich war noch nicht jenseits der 40, hatte zu Zeiten der Wende Kinder, die gerade die Grundschule hinter sich hatten. Alle positiven Ansätze in der Familienpolitik waren quasi von einem Tag auf den anderen wie ausradiert. Es war ein Rückschlag hinsichtlich dieser Entwicklung. Ich habe jahrelang diese Wiedervereinigung positiv begleitet, auch um dem Werte-Gefüge gerecht zu werden, welches ich meinen Kindern vermitteln wollte. Dies ist sogar gelungen, wenn ich das in der Gegenwart betrachte.

      Wenn mir dann aber die Deutsche Rentenversicherung aus Versehen einen Fragebogen für Ostdeutsche zusendet, dann staune ich.

      Die Grundwasserabsenkung im Raum Leipzig war eher eine Grundwassersteigerung und hat damit zu tun, dass man aus den Tagebaugebieten wunderbare Seen entstehen lies, als Naherholungsgebiet oder touristische Attraktion? Dazu hat man aus dem wunderschönen Spreewald jahrelang Wasser gezogen, sodass sich dort Flora und Fauna eklatant verändern …?

      Es ist eben ein Problem, wenn Politiker ständig den ‚lieben Gott‘ spielen wollen …

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